Reiseberichte – Bericht von C. Baßin, April 11

Ein Erfahrungsbericht: 4 Wochen Nazareth Kinderheim in Rangwe

Im März 2011 sollte es losgehen, in das mir unbekannte Kenia! 24 Stunden Reise warteten auf mich. 

Frankfurt – Amsterdam, Amsterdam – Nairobi, Nairobi – Kisumu und dann noch einmal vier Stunden Autofahrt nach Rangwe. 

Die größte und offensichtlichste Veränderung waren nicht nur Wetter, Sprache und Kultur, sondern auch Lautstärke. Kenia ist ein lautes Land! Die Hintergrundkulisse erinnert mich auch jetzt noch  an ein Freibad, nur dass man statt schreienden Kindern, Lachen, Plantschen, Rutschen, Ballwerfen etc. hier verschiedenste Vögel hört, Insekten, Hühner, Küken, Gockel, Kuh-Muhen, Hundegebell, Katzenmiauen, das Arbeiten im Feld (“digging”), das Summen christlicher Lieder, das Zuschreien von Grüßen – das hier auch über Entfernungen gemacht wird, bei denen man in Deutschland höchstens ein Winken übrig hätte.

Gerade in Rangwe (einem 2000 Menschen Dorf, jedoch stellt das „Dorf“ an sich nur den Marktplatz dar und die Leute wohnen im Busch außen herum) erscheint es, als würde jeder jeden kennen! Für den täglichen Weg zum Markt (schnellen Schrittes in sieben Minuten zu erreichen), benötigt man hier locker 30 Minuten, weil es mit einfachem Grüßen nicht getan ist, sondern ein langes Gespräch sich häufig anschließt. Wie geht es der Familie? Stolzen Elternberichten über das Weiterkommen der Kinder in der Schule, folgen die weiteren Pläne und  wie der Mais und die Bohnen wachsen – all das ist immer sehr wichtig! 

 

Eines der ersten Worte, die ich vor Ort gelernt habe, ist “mzungo” (= Weißer/Weiße). Alle rufen “mzungo”, zeigen auf dich und fragen “How are you?”. Die Antwort “I’m fine, thank you.” ist jedoch nicht zufriedenstellend – gerade für Kinder – und so wird einem, bis man außer Hörweite gerät, immer wieder die Frage zugerufen, wie es einem denn gehe. 

Ein Händeschütteln bringt die Kinder auf Wolke sieben. Sie bestaunen die andere Hautfarbe und haben sich erst nach Anfassen meiner Haut vergewissert, dass ich auch nur ein Mensch bin. 

Aber nicht nur bei den Kindern ist meine Hautfarbe auffällig. So hat Samson, der Kinderheim-Hausvater, mich direkt am ersten Tag erschrocken darauf aufmerksam gemacht, dass ich schon von Moskitos gebissen worden sei und es wirklich ganz gefährlich aussehe. Es hat sich herausgestellt, dass er von einem Leberfleck auf meinem linken Arm redete. Eine Erklärung, dass viele Weiße das haben, es keine Krankheit und nicht gefährlich sei, beruhigt ihn nach einigen Schreckenssekunden. 

 

Der Alltag ist hier einfach und noch sehr stark nach Geschlechterrollen verteilt. 

Um 7h (ein Uhr nach luo-Zeitrechnung) ist die Sonne aufgegangen, um 19h ist es wieder dunkel. Ein zwölf Stundentag, der unglaublich abhängig von dem natürlichen Licht ist. Mit einigen Taschenlampen, einer Solarzelle und dem Luxus von unzuverlässigem Strom wird der Tag jedoch verlängert, sodass um 5.30h mit Porridge-Kochen (Mais-Bohnen Frühstücksbrei) und Chai-Tee angefangen wird und ab 21h die Menschen wieder ins Bett gehen, spätestens aber um 23h. 

 Vormittags wird der Haushalt gemacht (Wäsche und Geschirr waschen und bügeln, Casava trocknen, Bohnen und Mais sortieren, Boden jeden Tag wischen etc.), dann wird bereits mit dem Kochen für das Mittagessen begonnen. Die Küche besteht aus einem kleinen Platz, wo man ein offenes Feuer mit Feuerholz (manchmal, wenn es schneller gehen muss mit Kohle) erst einmal entfacht und dann den Po nach hinten-oben streckend sich herunterbeugt (die typischste Frauenposition, die es hier wohl gibt!), um zu schnippeln und zu kochen. 

Essen ist hier auch einfach. Es gibt nur wenige Sachen, die zur Auswahl stehen. Ugali (im Prinzip nur Wasser mit Mehl) gibt es jeden Tag, dazu gibt es – je nachdem, was auf dem Markt am billigsten ist oder was im Garten gerade fertig gewachsen ist – Mais, Bohnen, Kohl oder Sukuma. Sonntags gibt es Madazi und dazu Obstsalat. Einmal die Woche gibt es Reis und einmal Chapati (etwas Pfannkuchen-Ähnliches). 

Nach dem Essen, wird wieder gespült und dann wird schon bald auf den Markt gegangen zum Lebensmittel einkaufen. Das bedeutet ca. 2 Stunden sich einen Überblick verschaffen, verhandeln, weitergehen, Frauen treffen, sich unterhalten, Verhandlungen aufnehmen und abbrechen und dann wieder nach Hause gehen. 

Zu der Zeit sind die Kinder dann auch aus der Schule zurück. D.h. sie bekommen Aufgaben, wie z.B. Feuerholz zu sammeln oder Wasser holen, das anschließend natürlich auf dem Kopf zurücktransportiert wird – und was ich, zwar unter dem Lächeln von allen Einwohnern, nach drei Wochen aber auch beherrschte (ok, ich musste meine Hände zur Hilfe nehmen)!

Danach Abendessen kochen, zu Abend essen und dann die tägliche Andacht mit den Kindern zusammen. Anschließend lernen zumindest die Großen noch für die Schule, wo ich bis 23h ab und zu noch geholfen habe und dann aber auch wirklich bettreif war. 

 

Ein Tag, der eine Alltäglichkeit aufweist, die man in Deutschland so nicht kennt, der aber dennoch genauso anstrengend ist und auch noch ganz anders körperlich fordert!

Der Aufenthalt hat mir Einblick in eine Welt gegeben, die ich mir vorher vorstellen konnte, aber nicht annähernd an genau dieses Leben herangekommen ist. Es ist beeindruckend, wie einfach man leben kann und wie aus deutscher Sicht selbstverständliche Dinge zu alltäglichen Herausforderungen werden!

 

Charlotte Baßin, April 2011